Mein Beitrag im GFK-Adventskalender vom 07.12.2017

7. Dezember 2017

Gefühle

Ich habe die gewaltfreie Kommunikation kennengelernt, weil sie mit mir „gemacht“ wurde. Da hörte mir jemand zu, sprach und fragte mich auf eine Art und Weise, wie ich das zuvor in meinem Leben noch nicht erlebt hatte. Das wunderbarste daran war, dass ich mich gesehen, verstanden und wertgeschätzt fühlte und einen Raum in mir entdeckte, in dem ich mich kennenlernte.Meine Gefühle waren plötzlich von großer Bedeutsamkeit, durften sein und wiesen mich darauf hin, was ich eigentlich brauchte.  Ich lernte, dass es ok ist, etwas zu brauchen, dass Bedürfnisse universell sind und ich mich für meine nicht zu schämen brauchte. Ich bekam einen Raum, in dem ich mich entfalten und entwickeln konnte und wollte.

Seither übe ich täglich gemeinsam mit meinem Mann und meinen beiden Töchtern, die Schönheit in unseren Gefühlen zu sehen. Warum finde ich gerade die Gefühle so schön? Es gibt ja eine Reihe von Gefühlen, die schmerzlich sind, oder so vorherrschend, dass wir uns ihnen ausgeliefert und hilflos fühlen.

Ich finde Gefühle so schön, weil sie wie eine Ampel für mich sind: Sie machen uns darauf aufmerksam, wovon wir gerade genug haben, was wir gerade brauchen, oder was uns fehlt. Sie weisen uns direkt auf unsere Bedürfnisse hin und zwar hartnäckig.

Denn wenn wir unsere Gefühle unterdrücken oder langfristig ignorieren, so kann das zur Folge haben, dass unser Körper immer stärkere Signale aussendet (z.B. in Form von psychosomatischen und/oder psychischen Beschwerden), weil wichtige Bedürfnisse nicht erfüllt werden.

Gefühle sind es, die direkt und unmittelbar ausgelöst werden und wenn wir ihnen unsere Beachtung schenken und sie differenziert und neugierig betrachten, so helfen sie uns dabei, verantwortlich mit uns und unserem Innenleben umzugehen.

Darüberhinaus erlebe ich immer wieder – bei mir selbst, meinen Familienmitgliedern, Freunden und Klienten -, wie wohl es tut, vor allem auch unseren unangenehmen Gefühlen einen Raum zu geben.

Der „Wutanfall“ einer 4-jährigen hört nicht auf, wenn sie zur Raison gerufen wird, er hört auch nicht auf, wenn sie ignoriert wird, er ebbt ab, wenn ich sie begleite, wenn ich ihre Wut sehe, sie ernst nehme und ihr Zeit lasse. Egal für welche Reaktion ich mich entscheide, bis es vorbei ist, dauert es meist ziemlich genau 20 Minuten. 20 Minuten, nach denen wir miteinander in Verbindung sind, wenn sie gesehen war in Ihrer Wut.

Es ist gar nicht immer notwendig, den ganzen GFK-Prozess durchzumachen, manchmal genügt schon das „in seinen Gefühlen gesehen sein“, damit Erleichterung eintritt und wir wieder mit offenen Herzen aufeinander zugehen können.

Daher ende ich mit einem Zitat von Marshall, das mir viel bedeutet und immer wieder Mut macht, nicht aufzugeben, die GFK zu üben: „Alles was es wert ist getan zu werden, ist es auch wert, unvollkommen getan zu werden.“